Cammer: “Herrentuter” ziehen wieder los – Ab 16.12.2020 wird das Christkind hinab geleitet

Cammer. Neun Stufen soll die Himmelsleiter haben und neun Tage vor Weihnachten beginnen die “Herrentuter“, auch “Hirtentuter” genannt, ihren Rundgang. Am Mittwoch, dem 16.12.2019 starten Chris Große (14) und Marvin Queißer (13) mit ihren Tuten und werden an jeder Ecke im Dorf mit ihren Lärminstrumenten die nahenden Weihnachtstage ankündigen. Die beiden Jungs waren schon im Vorjahr unterwegs. Nachdem die Sonne untergegangen ist, sich die Dunkelheit ausbreitet, geht es los. Jeden Tag bis zum Heilig Abend werden die beiden Schüler unterwegs sein.

Cammer ist der einzige Ort in dem das vorweihnachtlichen Hirten- oder Herrentuten noch aktiv betrieben wird. Neun Tage vor Weihnachten ziehen Jugendliche tutend durchs Dorf und helfen dem Christkind, den Weg auf die Erde zu finden. Am Silvestertag startet dann der letzte Rundgang. Die Jugendlichen entrichten Neujahrswünsche und erhalten eine kleine Gabe als Dankeschön. Dabei wird folgende Grußformel benutzt:

„Die Glocken verkünden mit hallendem Ton, dass wieder ein Jahr ist verschwunden. So haben wir Jugend von Cammer auch schon, wie üblich uns eingefunden. Vor allem wünsch ich, dass dieses Haus mit reichem Segen erblühe. Und wolle Gott geben zu jedermanns Glück, dass sich bessere der Menschheit Geschick, die täglich sich quälet aufs Neue, und Wünsche der gesamten Christenschar ein glückliches Neues Jahr“.

Die Formal hat sich im Laufe der Jahre verändert und wurde der heutigen Zeit angepasst. Die Hirten zu Beginn des 20 Jahrhunderts sagten noch:

“Ich wünsche ju een frehliges Neuetjoahr, Friede, Gesundheit un de ewige Seligkeit. – De Schüne vull Kourn un Streu, janzen Heuböne vull Heu, von jedet Perd en Fohlen, von jede Kuh en Kalb, von jede Sau zehn Ferken, det könnt Ihr Euch mal merken“.

Früher war dieser Brauch im ganzen Fläming und der Zauche verbreitet, in Golzow, Nichel oder Ragösen ist es dokumentiert. Auch in den heutigen Ortsteilen des Bezirks Berlin-Spandau, in Tiefwerder und Pichelsdorf wurde der Brauch gepflegt.

Aktiv betrieben wird die Sitte jetzt jedoch nur noch in Cammer. Waren vor einem Jahrhundert noch die Hirten, später der Nachtwächter so sind jetzt Jugendliche mit ihren Tröten und Schalmeien unterwegs und werden von allen Einwohnern sehnlichst erwartet. Die Frage “wer dieses Jahr tutet” ist schon im Herbst Gesprächsthema im Dorf.

In diesem Jahr gibt es einen weiteren besonderen Grund, diese Tradition zu beobachten. Eine Interessengemeinschaft aus Cammer hat beim Land Brandenburg den Antrag gestellt, das “Herrentuten” in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufzunehmen und die erste Hürde im Verfahren genommen. Das Land Brandenburg unterstützt die Aufnahme und hat den Antrag an die nächste Instanz im Bund weitergeleitet.

Der Antrag wird vom Amtsdirektor des Amtes Brück, Marko Köhler, dem Tourismusverein Zauche-Fläming, der Landfrauenvereinigung, der Kirchengemeinde Golzow-Planebruch und dem Dorf- und Heimatverein Cammer unterstützt.

“Die Himmelsleiter hinab – Die Cammerschen Herrentuter”

Ein 112 Seiten starkes Buch wurde von Andreas Koska zusammengestellt. Darin dokumentiert der Herausgeber die Sitte in Cammer und verweist auf der Verbreitung in Deutschland. Was vor 100 Jahren noch überall alltäglich war, ist heute verschwunden, einzige Ausnahme vier Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern, wo ein ähnlicher Heischebrauch noch praktiziert wird. Allerdings nur an Heiligabend. Mit der Veröffentlichung soll der Antrag untermauert und gestützt werden. Das Buch ist beim Autor, den einheimischen Geschäften und den Buchhandlungen erhältlich.

Andreas Koska (Hrsg.) “Die Himmelsleiter hinab – Die Cammerschen Herrentuter”, 112 Seiten, 12,00 Euro, ISBN 978-3-9820869-3-4

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