Alte Brücker Post: “Gerade Frauen” erinnerten an Dichterin des Dennoch

Brück. Das ehrwürdige, alte, liebevoll renovierte Postgebäude in der Brücker Ernst-Thälmann-Straße etabliert sich immer mehr mit Veranstaltungen mit Haltung. So auch in diesem Dezember. Unter dem Titel “NUR EINE ROSE ALS STÜTZE” erinnerten die “Geraden Frauen” an die Dichterin des „Dennoch“, an Hilde Domin.

Mit ihrem sensiblen, literarisch-musikalischen Programm erinnerten Marianne Rödiger (Violine), Elke Uta-Schrepel (Piano) und Ila Raven (Rezitation & Gesang & Buch) an das Leben und das Werk der deutschen Schriftstellerin jüdischen Glaubens. Diese Programmpremiere gehörte noch zur Brandenburgische Frauenwoche, die wegen der Pandemie bis zum Ende des Jahres verlängert worden war. Der Pandemie war vermutlich auch zu verdanken, dass der Einladung nur knapp über zehn Menschen gefolgt waren. Veranstalterin Ricarda Müller wünschte allen trotzdem “einen guten Abend”, mit deutlicher Betonung auf “guten”.

Und das wurde es für alle, die gekommen waren. Hilde Domin hatte einmal sinngemäß formuliert:

“Warum ich schreibe? So lange ich schreibe, lebe ich.”

Genauso gut ließe sich sagen:

Solange wir uns der Kultur stellen, so lange leben wir.

Der Abend stimmte die Zuhörer mit biografischen Skizzen ein, wie er sich überhaupt am Leben von Hilde Domin entlang hangelte. Hildegard Dina Löwenstein wurde am 27. Juli 1909 in Köln geboren. Sie starb am 22. Februar 2006 in Heidelberg. Dazwischen lagen unter anderem 22 Jahre Exil, das sie in vielen Länder führte. Die meiste Zeit verbrachte sie in der Dominikanischen Republik. Ihr Künstlername erinnert an die Hauptstadt Santo Domingo. Ihr 1959 erschienener erster Gedichtband gab auch der Veranstaltung in der Alten Brücker Post den Titel: Nur eine Rose als Stütze. Eine Rose lag auch auf einem Spiegel auf dem Boden.

Die “Geraden Frauen” verstanden es meisterhaft, Gedanken und Gefühle der Hilde Domin aus deren Gedichten zum Leben zu erwecken. Klavier und Violine schmeichelten – und schrieen. Das Programm ist geschaffen wir für die heutige Zeit. Hilde Domins unerschütterliches Vertrauen in das Leben und in die die Menschen ist unentbehrlich und wieder höchst aktuell. Als Adorno befand, nach Ausschwitz Gedichte zu schreiben wäre barbarisch, entgegnete Domin ihm, gerade wegen Ausschwitz müsse man Gedichte schreiben. Sie sagte:

Ich würde schon zufrieden sein, wenn ich einen Menschen ändern könnte, dann noch einen und noch einen, und die würden die Welt ändern.

Dennoch Hoffnung haben, Domin Credo, ist aktuell so wichtig geworden wie lange nicht mehr. Vertrauen in die tägliche Anstrengung des Sisyphos, Vertrauen in die zweite Chance, in den Neubeginn – Hilde Domin hatte es und vermittelte es.

Die heutigen Künstlerinnen präsentieren einmal mehr eine starke Frau. Das Programm ist eine wunderbare Komposition aus Biografie, Poesie und Musik, wie sie auch Hilde Domin gemocht haben mag. Dabei agieren Ila Raven und ihre beiden Kolleginnen zurückhaltend, voller Respekt und doch ohne Angst vor der großen Geste. Am Ende des Programms zündet Raven eine kleine Kerze an und stellt sie zur Rose auf den Spiegel, bevor sie die Bühne verlässt und den Zuhörenden Zeit einräumt, das Programm auf sich wirken zu lassen.

Nach diesem Programm über eine Frau voller Zivilcourage bekennt Ila Raven, was für sie heute Zivilcourage bedeutet:

“Zivilcourage ist für mich das unaufhörliche Ringen darum, wie man handelt und Verantwortung zeigt.”

Deshalb machen sie mit ihrem Programm weiter, trotz Störversuchen.

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