Beelitzer Kinder-Paten-Bäume erhalten professionellen Erziehungsschnitt

Stadt Beelitz. Für jedes Baby einen Baum: In den vergangenen zehn Jahren sind an mehreren Stellen im Beelitzer Stadtgebiet Streuobstwiesen und Alleen angelegt worden, immer zum Weltkindertag am 20. September kommen neue Gehölze hinzu. Mittlerweile sind es schon um die 700 Obstbäume, welche die Stadt für jeden Neugeborenen gesponsert und gemeinsam mit den Familien gepflanzt hat. Die Pflege wird von den Eigentümern ganz unterschiedlich gehandhabt, die einen betreiben mehr, die anderen weniger Aufwand. Fakt ist aber: Gießen allein reicht nicht.

Weltkindertag, Beelitz
Weltkindertag in Beelitz

„Mit den Bäumen haben die Familien zu ihrem eigenen Kind ein weiteres dazubekommen, quasi einen Zwilling, der hier draußen wächst“, sagt Hans-Georg Kosel. Und der brauche in den ersten zehn Jahren ebenfalls besonders viel „Erziehung“ und Zuwendung. Kosel ist ausgewiesener Experte, was Obst-, und vor allem Apfelbäume angeht. Der Oranienburger beschäftigt sich seit zwei Jahrzehnten mit Obstbäumen, hat sein Herz vor allem an die alten Sorten verloren. Im Auftrag übernimmt er die Pflege und auch Revitalisierung von Gehölzen. Kosel ist auch Vorsitzender des Brandenburgischen Landesverbandes im Deutschen Pomologen-Verein und gibt Seminare an der Brandenburgischen Lehr– und Versuchsanstalt für Gartenbau und Arboristik (LVGA). Er hat sich im Auftrag der Stadt die Beelitzer Patenbäumchen angeschaut und den sogenannten Erziehungsschnitt übernommen.

„Wir möchten, dass die Kinder auch noch in vielen Jahren Freude an ihren Bäumen haben – und auch reichlich Obst ernten können“, erklärt Bürgermeister Bernhard Knuth, der 2010 zur ersten Pflanzaktion geladen hatte und seitdem jedem Kind in Beelitz auf diese Weise neben den symbolischen auch tatsächliche Wurzeln verleiht:

„Deshalb ist es sinnvoll, dass jemand mit Fachwissen zu Werke geht und die Bäumchen fit für die nächsten Jahre macht.“

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Landesgartenschau 2022 könne sich die Stadt damit noch blühender und, wenn die Früchte reifen, besonders vital den Besuchern präsentieren.

Auf den Pomologen, der bereits an der Obstbaumallee nahe der Beelitzer Bockwindmühle im Einsatz war, wartet viel Arbeit: Von den hundert Bäumen, die dort wachsen, würden nur fünf tadellos aussehen, schätzt er. Normalerweise müssten die Äste in den ersten zehn Jahren um ein Drittel gekürzt und strukturiert werden, damit sie kräftige Triebe bilden können. „Die Krone ist das Spiegelbild der Wurzel, und die ist in den ersten Jahren auch noch nicht sehr umfangreich.“ Wenn der Baum gut geschnitten ist, dann kann er auch Reserven und Nährstoffe anlagern und ist bei großer Trockenheit nicht so anfällig. „Er sollte in den ersten Jahren aussehen wie eine Klobürste. Zwar soll er dann noch keine Früchte bilden, hat aber dadurch mehr Kraft, um zu wachsen“, erläutert der Experte.

Auch die Baumscheiben müssten gepflegt werden. Während der Arbeiten stößt Kosel auf verkrautete Scheiben oder auf solche, auf denen Steine angehäuft wurden. Für die Pflanze sei das alles andere als gut. Zudem brauche der Baum in den ersten drei Jahren auch alle vier Wochen in der Vegetation zwei Kannen Wasser. Nach zehn Jahren erst ist der Erziehungsschnitt abgeschlossen und der Baum muss – je nach Art und Sorte – nur noch jedes dritte bis siebente Jahr zurückgeschnitten werden.

„Bis in die 1970er Jahre wussten die meisten noch, wie Obstbäume gepflegt werden“, erklärt der Pomologe, vor allem draußen auf dem Lande. Dieses Wissen sei jedoch im Laufe der Zeit abhandengekommen. Allerdings gehe der Trend mittlerweile auch wieder weg vom reinen Ziergarten hin zum Nutzgarten, in dem auch Obst und Gemüse angebaut wird:

„Gerade jetzt in der Corona-Krise merkt man, dass sich die Leute darauf zurückbesinnen. In den Baumschulen waren Obstbäume bisweilen restlos ausverkauft.“

Diesen Trend unterstützt Hans-Georg Kosel, indem er im Pomologen-Verein zusammen mit anderen Experten Interessierte zum Obstbaumwart ausbildet. Das können Gärtner oder Landwirte sein, die ihre Expertise erweitern wollen, oder auch Ehrenamtliche, die zum Beispiel für einen Verein die Baumpflege übernehmen wollen. In fünf Modulen an mehreren Wochenenden über das Jahr verteilt erhält man theoretische und praktische Kenntnisse, die Ausbildungsorte sind die Standorte der LVGA in Großbeeren und Blankensee. Zum Schluss gibt es eine Prüfung und – nach Bestehen – auch ein Zertifikat.

Auch die Laga werde ein gutes Forum, um das Interesse an Obstbäumen weiter zu fördern, ist sich Kosel sicher. In Beelitz selbst ist es ungebrochen – durch die Verbindung der Kinder zu ihren Patenbäumen. An vielen der nun schon fünfjährigen Gehölze nahe der Bockwindmühle, aber auch an den anderen Standorten im Stadtgebiet, hängen Ostereier, und auch das Gießen übernehmen dieser Tage viele Familien regelmäßig. Falls trotzdem ein Baum eingegangen ist, so wird durch die Stadt Ersatz geschaffen, kündigt Bürgermeister Knuth an.

(Thomas Lähns)

Aufrufe: 69