“Was bewegt dich?” – Interview mit Annie Tilmant aus Brück.

Brück. Zauche 365 und Fläming 365 fragen 30 Menschen, was sie aktuell besonders bewegt. Unser Ziel ist eine Momentaufnahme des Denkens und Fühlens der Menschen in der Region, insbesondere vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der in der Folge auftretenden Probleme und Konflikte. Wir wollen Leserinnen und Leser zum eigenen Nachdenken anregen.

Interviewpartnerin in diesem Interview ist Annie Tilmant. Sie wurde in Frankreich geboren, hat Psychologie in Lille studiert und war 13 Jahre lang im französischen Justizministerium angestellt. Im Jahr 1992 gründete sie den freien Bildungsträger “System Kinesiologie Annie Tilmant” in Aachen und Berlin, der heute seinen Sitz in der Alten Brücker Post hat.

Was bewegt dich gerade?

Im Moment wie in meinem ganzen Leben die Demokratie und das Gleichgewicht in der Bevölkerung und zwischen den Völkern. Ich sehe in Europa das Risiko zu zerbrechen, durch verschiedene Meinungen und Interessen insbesondere hinsichtlich der Menschenrechte.

Du hast persönliche Beziehungen zur Ukraine?

Meine Großmutter ist im damaligen Galizien geboren, in Ternopil, das später zu Österreich gehörte, noch später zu Polen und das heute in der Ukraine liegt. Ich habe noch immer Kontakt zu dem dort lebenden Teil meiner Familie. Meine Großmutter kam 1927 nach Frankreich, weil schon damals die Armut in ihrer Heimat groß war und es wirtschaftliche Verträge zwischen Frankreich und Polen gab. Sie war die Älteste von sechs Kindern.

Ich war in der Ukraine, dort, wo meine Familie lebt. Ich habe gesehen, dass die Leute dort richtig arm sind. Der Krieg macht es jetzt noch schlimmer.

Ist deine Familie direkt vom Krieg betroffen?

Ja, ein Cousin, 26 Jahre alt, war im Krieg, wurde angeschossen und wird vielleicht gelähmt bleiben. Ein anderes Pärchen hat jetzt geheiratet. Warum es im Krieg geheiratet hat? Es ist vermutlich wie mit unseren Vorfahren in den Weltkriegen.

Meine Cousine ist Hebamme. Sie bringt die Kinder jetzt im Keller zur Welt. Wenn ich mir vorstelle, wie oben gleichzeitig die Bomben fallen, schlägt mein Herz schneller. In welchem Zustand werden die Kinder geboren? In welche Welt? Wie kann man sie retten, falls es nötig ist?

Was bewegt dich in Deutschland und in Brück?

Ich war vier Jahre im Integrationsbeirat des Landes engagiert. Wir halfen Flüchtlingen, Wohnungen zu finden, organisierten Sprachkurse und Unterstützung. Doch es muss ein Geben und Nehmen sein. Wenn die Ausländer nicht Deutsch lernen, dann geht es nicht. Jeder kann seinen Platz finden. Doch leider ist nicht immer die Bereitschaft zur Integration da, zu versuchen, sein Bestes zu geben.

Warum engagierst du dich trotzdem?

Ich mache es, damit es menschlich ist. So freue ich mich, wenn zum Beispiel bei Kaufland Menschen zu mir kommen und berichten, dass sie ihren Platz gefunden haben.

Was denkst du, warum das Zusammenleben manchmal so schwierig ist?

Viel hängt von der Erziehung ab. Dabei findet man in vielen Religionen gemeinsame, humanistische Werte. Wenn man die Menschen liebt, interessiert ist an Kulturen und Welten, dann findet man gemeinsame Wege.

Das Wichtigste ist, das jeder danach sucht, was er machen kann. Nicht reden, sondern handeln. Eine Kleinigkeit im eigenen Umfeld kann jeder machen.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Alle Was-bewegt-dich-Interviews auf Zauche 365 findest du HIER. Außerdem empfehlen wir dir auch die entprechenden Interviews auf Fläming 365)


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