Herren- bzw. Hirtentuter in Cammer 2022

Cammer. Wer Cammer genau kennen lernen will, der sollte sich Elisa Hoffmann, Theresa Frisch und Elias Feuerherdt anschließen. Seit Freitag sind sie unterwegs, als Herren- oder Hirtentuter in Cammer. Neun Tage lang, bis zum Heilig Abend laufen sie durch das Zweimühlendorf. An jeder Ecke wird dreimal getutet, damit soll ein Signal an das Christkind gegeben werden, um ihm den Weg zu Erde zu erleichtern.

Die drei aktuellen Tuter sind alle zwölf Jahre alt. Schon ihre Eltern hatten den Ehrendienst wahrgenommen. In diesem Jahr keine leichte Aufgabe. Als es am 16.12. losging, herrschte strenger Frost. „Die Tuten frieren immer wieder ein“, beklagte Elias. Und das sollte sich die beiden kommenden Tage fortsetzen. Am Sonntag war die Tute von Elisa mehrfach eingefroren und gab keinen Ton von sich. Da Theresa erkrankt war, ertönte nur die Tute von Elias. Am Montag gab es einen Wetterwechsel, als die wieder drei loszogen waren die Temperaturen im Plus. Der noch am frühen Nachmittag glatter Boden war inzwischen gut begehbar, aber es regnete leise vor sich hin.

Die Tour begann wie jeden Tag an der Rosenmüller-Mühle. Sie liegt etwa einen Kilometer außerhalb von Cammer. Dorthin werden die drei wackeren Wanderer von den Eltern hingefahren. Nachdem das Signal dreimal ertönt, wird ins Auto gestiegen. Am Dorfanfang müssen sie wieder aussteigen. „Von hier aus geht es ausschließlich zu Fuß“, sagt Vater Mario Hoffmann. Rund eineinhalb Stunden sind sie unterwegs.

Die Kinder von Cammer erwarten die Klänge sehnsüchtig. Denn sie wissen, dass die Tuter auch kleine Geschenke, Obst, Nüsse, Kekse, Pfefferkuchen und Schokolade auf die vor die Tür herausgestellten Teller „tuten“ können.

Heute sind zwei Mädchen dabei, das war nicht immer gestattet. Erst seit 1999 dürfen sie dabei sein. Schon ein Jahr zuvor beklagte Jessica Lauft diese Ungerechtigkeit. Damals war es den Konfirmanden vorbehalten das Ehrenamt zu übernehmen. 1999 waren es noch neun Jugendliche.

Acht Jahre später sprangen Mitglieder des Gemischten Chors Cammer ein, um die Tradition zu retten, es gab keine geeigneten Jugendlichen. Seitdem konnte der Tutenbewahrer Thomas Lauft die Instrumente immer an Jugendliche weitergeben.

Die Herren- oder Hirtentuter gab es im gesamten Fläming, der Zauche und sogar bis in die Berliner Vororte hinein. Die Tradition wurde vom Dorflehrer Franz Hönow Anfang der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Cammer wiederbelebt und sie hat sich bis heute erhalten. Cammer ist der einzige Ort in dem sie gepflegt wird.

Um diese Tradition zu stärken und zu unterstützen wurde vor drei Jahre der Antrag auf Eintrag in die Liste des „Immateriellen Kulturerbes“ beim Land Brandenburg gestellt. Leider wurde dieser abschlägig beschieden. Der „Ortssinn-Verlag“ hat eine Dokumentation über die Sitte in Buchform herausgegeben, erhältlich unter anderem beim Bäcker in Cammer, Preis 12,00 Euro.

Die Arbeit der drei Hirtentuter endet jedoch erst am Silvestertag. Dann sind sie ein zehntes und damit letztes Mal unterwegs. Dann wird an jeder Tür geklingelt. Wer diese öffnet, der bekommt einen Segenswunsch zu hören. Der aktuelle Spruch lautet:

„Die Glocken verkünden mit hallendem Ton, dass wieder ein Jahr ist verschwunden. So haben wir Jugend von Cammer auch schon, wie üblich uns eingefunden. Vor allem wünsch ich, dass dieses Haus mit reichem Segen erblühe. Und wolle Gott geben zu jedermanns Glück, dass sich bessere der Menschheit Geschick, die täglich sich quälet aufs Neue, und wünsche der gesamten Christenschar ein glückliches Neues Jahr.“

Als Dank für die Wünsche und für das Tuten gibt es dann ein Dankeschön. Waren es früher eher Süßigkeiten und kleine Gaben, wird die Tätigkeit heute eher mit Geldgeschenken honoriert.

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