„Süßer die Glocken nie klingen“ – Ein Lehniner ist der Verfasser

Lehnin. In der Adventszeit hört man es überall, eines der schönsten Weihnachtslieder: „Süßer die Glocken nicht klingen als zu der Weihnachtszeit“. Die Weise wird auf der ganzen Welt gesungen, der englische Titel lautet „Hark tot he bells in the steeple“. So gut wie ein jeder kennt das Lied, aber kaum jemand den Verfasser. Kaum jemand weiß, dass der Autor in Lehnin geboren wurde und dort aufgewachsen ist. Zumindest bisher, denn seit dem 1.Adventssonntag 2021 erklärt eine Gedenktafel den Zusammenhang und eine rund 30 Meter lange Straße trägt den Namen „Kritzingergasse“.  Sie verbindet die Kurfürstenstraße, etwa gegenüber des Klosterzugangs mit der Emstaler Landstraße, gegenüber der Einfahrt zum Einkaufszentrum.

Kritzinger, das ist der Nachname des Autors des Weihnachtsliedes, allerding ist unklar ob Friedrich Wilhelm, geboren 1816 oder sein sieben Jahre jüngere Bruder Ludwig die Verfasser waren.

In den Nachschlagewerken und Gesangsbüchern wird die Autorenschaft Friedrich Wilhelm zugeschrieben, während in der Familienchronik der Kritzingers das Werk Ludwig zugeschrieben wird.

Das teilte Kantor Andreas Behrendt in einer kleinen Ansprache anlässlich der Straßenbenennung und Gedenktafelenthüllung mit. Behrendt hatte schon vor drei Jahren die Idee der Ehrung. Damals saß er noch im Lehniner Ortsbeirat. „Ich danke den Gremien dafür, dass mein Vorschlag angenommen worden ist und wir jetzt hier stehen und mit der Enthüllung sozusagen das erste Adventstürchen öffnen“, sagte Behrendt.

„Eigentlich hätte die Enthüllung mit der Adventsmarkteröffnung gleichzeitig stattfinden sollen, nun mussten wir den Markt absagen aber die Ehrung kann vollzogen werden“, betonte Bürgermeister Uwe Brückner. Und Ortsvorsteher Frank Niewar lobte den Kantor ob seines Engagements. „Der Bernard-Pilgerweg geht ebenso auf Behrndts Idee zurück, du solltest wieder für den Ortsbeirat kandidieren“, forderte er den Musiker auf.

Während der kleine Engel Levke Hadler den drei Honoratioren bei der Enthüllung der Gedenktafel half, sangen die sechs Damen und drei Herren der „Lehniner Choral Schule“ das Lied. Die Melodie, die Kritzinger gewählt hatte, war die des Thüringer Sterbeliedes „Dort sinket die Sonne im Westen“.

Behrendt dankte dem Heimatforscher Volker Neugebauer für seine Recherche. Somit konnte erkundet werden, dass Kritzinger eine Salzburger Familie von Glaubensflüchtlingen entstammt. Vater Wilhelm kam Ende des 18. Jahrhunderts nach Lehnin wo Friedrich Wilhelm am 24.10.1816 das Licht der Welt erblickte. Auf Wikipedia liest man übr ihn:

Kritzinger besuchte die Klosterschule in Lehnin und das Gymnasium der Ritterakademie in Dom Brandenburg. Danach studierte er bei August Neander Theologie in Berlin. Von 1847 bis 1850 leitete er ein Privatinstitut in Pyritz (Pommern). Ostern 1850 wurde er zum Rektor der Stadtschule in Naugard (Pommern) bestellt. Nach Empfehlung des preußischen Kultusministers von Eichhorn hatte Otto Viktor Fürst von Schönburg-Waldenburg (1785–1859) Kritzinger ab 8. Juli 1852 zum ersten Direktor der Lehrerinnenbildungsanstalt (heute Christophorusgymnasium) in Droyßig bestellt. Diese Position hatte Kritzinger 38 Jahre lang inne.

Er war als Dichter tätig und veröffentlichte, unter anderem bei Duncker in Berlin, acht Gedicht- und Liederbände.

„Allerdings befindet sich darin unser Weihnachtslied nicht“, sagte Behrendt und stellte die Vermutung auf, dass Ludwig der Verfasser sein könnte.

Ludwig wurde am 21. Oktober 1823 geboren, er wurde Schulmeister und kehrte 1866 in seinen Heimatort zurück, wo er als Lehrer und Kantor tätig war. Auch er war schriftstellerisch und dichterisch tätig. In der Familienchronik wird die Behauptung aufgestellt, dass Ludwig der Verfasser sei. Um einer Diskussion über die Urheberschaft zu entgehen, wurde die Gasse jetzt nach beiden Brüdern benannt. „Schließlich waren beide hier zu Hause und haben beide ihre Verdienste“, argumentierte Behrendt.

Übrigens starben Friedrich Wilhelm am 12.07.1890 in Naumburg, Ludwig am 21.02.1894 in Gnesen.

Das Lied der beiden wurde unter anderem in ein Lehniner Gesangsbuch von 1928 aufgenommen, das Behrendt dabei hatte.

Gleichzeitig schlug der Kantor vor, den in zwei Jahren anstehenden 200 Geburtstag von Ludwig zum Anlass zu nehmen, die Geschichte der Brüder in einem Symposium und mit einem Festakt zu begehen. Ein Gedanke, den der Ortsvorsteher Frank Niewar begeistert aufnahm und auch Bürgermeister Brückner schien nicht abgeneigt.

Die Chefin des Lehniner Tourismusvereins Angelika Herrmann dankte den Verantwortlichen und dem Chor für ihr Engagement mit leckerem Konfekt. Während die etwa zwölf Besucher der Einweihung nach Hause strebten, packte die Sänger ihre Noten ein und zogen in die Sabinchenstadt Treuenbrietzen, wo die „Lehniner Choralschola“ am Nachmittag ein Konzert gab. Andreas Behrendt ist nicht nur Lehniner Kantor, er ist auch für das kirchliche Musikleben in Treuenbrietzen verantwortlich.

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