Loewenherz e.V. bezieht Position im Landkreis Potsdam-Mittelmark: “Das Wichtigste ist, mit den zugewanderten Menschen zu reden und nicht über sie zu sprechen.”

Potsdam-Mittelmark, Borkheide. Dr. Ermyas Mulugeta, Sie haben als Vorsitzender des Vereins Loewenherz ein Positionspapier zur Arbeit für und vor allem mit Zugewanderten im Landkreis Potsdam-Mittelmark verfasst. Warum?

Ermyas Mulugeta
Ermyas Mulugeta

Ermyas Mulugeta: Vorab, es geht nicht nur um die Flüchtlinge, sondern um alle Menschen mit Flucht- und Migrationsbiografie, auch um die in Deutschland geborenen oder schon lange hier lebenden. Immer wieder stellen wir fest, dass Integration zwar oft benannt wird, aber keine Grundlage hat. Das Wichtigste ist, mit den zugewanderten Menschen zu reden und nicht über sie zu sprechen. In Teilen der Lokalbevölkerung nehme ich vermehrt eine fehlende Wertschätzung und ein fehlendes Verständnis von Zugewanderten wahr. Misstrauen, Ablehnung, rassistische Diskriminierung und Vorbehalte gegenüber diesen Menschen, die omnipräsent und stark spürbar sind, wachsen. Mit unserem Positionspapier richten wir die Forderung bzw. den Appell an die Leser*innen, sich der Verantwortung zu stellen, sich kritisch mit den politischen und gesellschaftlichen Missständen auseinanderzusetzen.

Loewenherz, Ermyas Mulugeta

Können Sie einem konkreten Beispiel festmachen, was Ihnen auf Seiten des Landkreises konkret fehlt.

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Ermyas Mulugeta: Der Integrationsbeirat ist von seiner Struktur, Konzeption und seiner Ausstattung her gar nicht in der Lage, seine Aufgaben zu erfüllen. Er ist instabil und nicht arbeitsfähig. Erst nach etwa einem Jahr wird Mitte Januar wieder die Stelle der Integrationsbeauftragten besetzt werden. Wenn ich als schwarze Person in die Verwaltung gehe treffe ich nie auf Schwarze. In welchen öffentlichen Organisationen und Strukturen arbeiten Menschen mit anderen Kulturen? Generell fehlt es mir an Bereitschaft auf Seiten vermehrter weißer Deutschen, mit den schwarzen Deutschen auf Augenhöhe Dialog zu führen. Immer wieder begegnen mir Ängste, Sorgen und Nöte beim Zusammenleben und Zusammentreffen mit Einheimischen und Ämtern.

Wie sieht das im Alltag aus?

Ermyas Mulugeta: Wegen Corona sollen wir alle Abstand halten. Aber viele Menschen mit Fluchtbiografie stehen erst bei Sozialamt in einer Schlange, dann bei der Sparkasse. Dabei haben die meisten jedoch ein Konto. Die meisten gehen arbeiten und danach nach Hause, weil sie keine Kontakte in der Gesellschaft haben. Viele von denen rauchen, kiffen, trinken Alkohol, sind physisch gestört. Warum? Dabei sind sie nicht alle freiwillig hier, sondern sind gezwungen, hier zu leben.

Sie haben Ihr Positionspapier nicht nur an die Verwaltung, sondern auch an die Kreistagsfraktionen geschickt. Mit welcher Resonanz?

Ermyas Mulugeta: Von der CDU-Fraktion gab es gar keine Reaktion. Mit der Fraktion Die Linke/Piraten sowie der Bündnis 90/Die Grünen-Fraktion gab es nur einen 2- bis 3-maligen Schriftwechsel. Andrerseits fanden mehrere Schriftverkehre mit der SPD-Fraktion statt. Dennoch geschah quasi kein aktiver politischer Wille ihrerseits dafür, mit Loewenherz e.V. direkt in Kontakt bzw. Dialog zu treten. Andrerseits waren die Integrationsbeauftragte, die Piratenpartei und die Partei BVB / Freie Wähler an einem Dialog interessiert.

Das reicht Ihnen selbstverständlich nicht.

Ermyas Mulugeta: Nein. Es geht nicht allein um die zugewanderten Menschen. Es geht um ernste und konkrete Probleme für uns alle. Es geht um das Erstarken rassistischer, rechtspopulistischer Tendenzen und damit um die Gefährdung der lokalen Demokratie.

Wie geht es weiter?

Ermyas Mulugeta: Wir sind trotz allem weiter zu einem Dialog bereit. Wir werden weiter für eine offene und transparente Debatte, für eine freie Gemeinschaft aller streiten. Mein Verein Loewenherz steht als Dialogpartner bereit. Folglich muss im Sinne von gesellschaftlichem Zusammenhalt eine offene Debatte als Herausforderung begriffen werden.

Viel Erfolg!

(Das Gespräch führte Andreas Trunschke)

Wenn du mehr wissen willst:

Lies das Positionspapier von Loewenherz!

Über Loewenherz

Webseite: https://www.loewenherz-ityoppya.de/

Kernanliegen von Loewenherz sind die internationale und interkulturelle Verständigung sowie die Förderung von Toleranz, Achtung und Respekt gegenüber den Mitmenschen, anderen Gesellschaften und deren Kulturen. Durch Projekte, Workshops, Dialogrunden und Vorträge will Loewenherz Orte der Begegnungen schaffen.

Ermyas Mulugeta bei den Schülern der Grundschule Yeshafo Gudalema in Äthiopien

Außerdem unterstützt der Verein Menschen in dörflichen Gemeinschaften Äthiopiens beim Schutz der Umwelt und der Ressourcen sowie bei der Sicherung von Nahrung.

Loewenherz wurde im Oktober 2006 in Potsdam gegründet. Sitz des Vereins ist heute Borkheide. Vorsitzender ist Dr. Ermyas Mulugeta. Gegenwärtig hat Loewenherz 14 Mitglieder.

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