Das digitale Film- und Serienregal aus Beelitz

Stadt Beelitz, Schlunkendorf. Viele kennen das Dilemma: Man nimmt sich vor, einen Film- oder Serienabend auf der Couch einzulegen, aber bis man endlich etwas Passendes aus den unzähligen Internet-Mediatheken und Streaming-Diensten gefunden hat, kann man eigentlich schon wieder ins Bett gehen. Die Lösung für chronisch Unschlüssige kommt aus Beelitz: Eine Internetplattform, die das Beste aus allen möglichen Online-Angeboten zusammenträgt und – auf Wunsch – entsprechend der eigenen Präferenzen von Romantik über Action bis Doku filtert. „Shelfd.com“ ist ein „Start-up“-Unternehmen, das mittlerweile 30.000 registrierte Nutzer kostenlos mit Filmtipps versorgt, und das seinen Sitz im Ortsteil Schlunkendorf hat.

Die wenigsten wissen, welche Filmperlen es im Internet kostenlos zu sehen gibt

David Streit
David Streit (Foto: Hella Wittenberg)

Denn dort ist der Begründer der Seite, David Streit, vor einiger Zeit hingezogen – oder besser gesagt zurückgekehrt. Mit seiner Vita entspricht der 32-Jährige dem Idealtypus des jungen Menschen, der für ein Studium vom Lande in die Großstadt zieht, danach aber wieder den Weg zurück in die Heimat findet, wo die Familie lebt und die Wurzeln liegen. Streit selbst stammt aus Borkheide, hat sein Abitur am Sally-Bein-Gymnasium gemacht. Schon damals hatte er durch AG’s wie die Schulhomepage und die Schulchronik seine Interessen vertieft. Dann wurde er zum Wahlberliner und blieb es zwölf Jahre.

Seine Freundin stammt indes aus Schlunkendorf, wo die beiden nun das Haus der Großeltern übernommen und saniert haben, um darin zu leben – und auch zu arbeiten:

„Das Umfeld ist einfach toll. Wenn ich eine Pause vom Bildschirm brauche, mache ich einen Spaziergang oder eine Radtour durch die Natur. Und wenn ich Termine in Berlin habe, was häufig vorkommt, komme ich auch ohne Auto gut mit Bus und Bahn dorthin.“

Auch die Internetverbindung – für seine Arbeit unerlässlich – ist in Schlunkendorf mit 50 Mbit pro Sekunde absolut ausreichend.

Die Idee zu „Shelfd“ – das Wort ist eine Kombination aus dem englischen „Regal“ und einem D für digital – hatte David Streit im Studium: Für seine Masterarbeit im Design-Studiengang an der Fachhochschule Potsdam war er dem Phänomen nachgegangen, wie die Video- und DVD-Regale in den Wohnzimmern durch die Digitalisierung immer leerer geworden sind. Heute hortet man Filme höchstens noch auf der Festplatte oder mittlerweile komplett virtuell in der persönlichen Bibliothek auf Netflix, Amazon Prime und Co. Die Idee eines „digitalen“ Regals, in das man seine Favoriten stellen kann, lag da nahe. „Angefangen hatte es als Newsletter mit Filmtipps, die ich an eine Handvoll Leute geschickt habe“, erinnert er sich. Daraus ist dann bald mehr geworden, 2017 ging die Seite ins Netz. Heute wird sie 200 000 Mal im Monat angeklickt.

Mit zehn Kollegen, die über ganz Deutschland verteilt sind, sucht David Streit Serien und Filme aus den Weiten des Internets heraus und empfiehlt sie weiter, vor allem frei zugängliche:

„Die wenigsten wissen, welche Filmperlen da so schlummern. Filme, die man sich ohne Registrierung und ohne Bezahlung anschauen kann.“

Für Nutzer, die trotzdem auch bei Bezahldiensten wie Amazon Prime oder Netflix angemeldet sind, gibt es aber gleichwohl auch Empfehlungen zu deren Angeboten.

Doch das ist längst nicht alles, was „Shelfd“ zu bieten hat – es entstehen immer wieder neue Ideen: So stellt das Shelfd-Team auch ein erstes Bezahlprodukt zur Verfügung, mit dem sich Nutzer alle Neustarts der eigenen Streamingdienste automatisch in ihrem Kalender anzeigen lassen können. Quasi als Ersatz zur Fernsehzeitschrift.

Umweltbewusste können sich außerdem die Klimabilanz ihrer Sehgewohnheiten automatisch errechnen lassen. Denn die Server, von denen man „streamt“ verbrauchen natürlich auch Strom und produzieren damit CO2. Für das gute Gewissen kann man das gleich kompensieren – mit einer entsprechenden finanziellen Zuweisung von ein paar Euro an die Initiative „Prima Klima“, die solche Kleinspenden zusammenträgt und dafür ganze Wälder aufforstet:

„Das ist einer von vielen Partnern von Shelfd.“

Die neueste Entwicklung ist ein eigener Podcast, also eine Internetsendung, in der neue Filme und Serien vorgestellt werden und man die Filmemacher zum Interview trifft. Dieser trägt den Titel „Cliffhanger – Streaming zum Hören“ und ist über das Shelfd-Portal erreichbar.

Längst vorbei sind die Zeiten, als die Familie noch vor dem Fernseher zusammenkam, um Samstagabendshows zu schauen

Ein weiteres Kerngeschäft ist von Anfang an auch das Verfassen von Filmrezensionen gewesen. „Wir bieten unsere Redaktionsdienste verschiedenen anderen Plattformen an, zum Beispiel Zeit-Online, Unikum oder Musikexpress“, berichtet David Streit, der erklärter Film-Fan ist und dementsprechend auch viele Streifen aus dem Kino kennt. Einnahmen aus der Werbung spielen, anders als man es bei den beachtlichen Nutzerzahlen vermuten würde, nicht die Hauptrolle:

„Die Seite soll auf keinen Fall überfrachtet werden. Wenn wir Werbung zulassen, dann nur solche, die auch mit dem Thema zu tun hat.“

Das Filmvergnügen soll im Vordergrund stehen.

Und das hat sich radikal verändert: Längst vorbei sind die Zeiten, als die Familie noch vor dem Fernseher zusammenkam, um gemeinsam eine der Samstagabend-Shows zu verfolgen. Unterhaltung ist heute individueller, jeder schaut in erster Linie, was ihn interessiert – wann er möchte und Zeit dazu hat. Daraus ist – zugegeben – eine wahre Flut von Angeboten entstanden, in die man aber nun ganz leicht Ordnung bringen kann – mit ein wenig Hilfe aus Beelitz. David Streit möchte mit seiner Plattform anderen jungen Leuten zeigen, dass es sich lohnt, Projekte zu entwickeln und umzusetzen. „Jeder kann etwas aus seinen Ideen machen“, sagt er. Und das nicht nur in der Metropole, sondern auch draußen auf dem Lande.

(Thomas Lähns)

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