Beelitz: Schon wieder Kahlschlag im Namen des „Fort-Schritts“? Gehwege müssen sein – Kahlschlag nicht

Beelitz. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass in Brandenburg zwar der Gedanke an eine naturverträgliche und nachhaltige Entwicklung von allen propagiert wird; im Zweifel aber abgeholzt und betoniert wird, soviel die Planung und das Budget eben hergeben. Noch können wir alle täglich die unglaublichen Wunden sehen, die dem Wald zwischen Klaistow und Glindow geschlagen wurden um einen Radweg zu bauen. Hier wurden geschätzt 10 ha alter Laubbaumbestand gefällt. Genau die Bäume, die wir in Brandenburg im Zuge des Klimawandels laut Aussagen von Wissenschaft und Politik so dringend für den notwendigen Waldumbau brauchen. Zur Einordnung: der Radweg selber wird in etwa 1 ha bedecken. Auch die illegalen Holzfällungen durch den Entwickler in Beelitz Heilstätten sind ein Beispiel dafür, wieviel Bäume zählen oder eben nicht, wenn es um den sogenannten „Fort-Schritt“ geht.

Nun wurden im Bauausschuss der Stadt Beelitz die nächsten Abholzungspläne im Zuge von Straßensanierungen öffentlich gemacht. Entlang der Bundesstraße B246, Brücker Straße in Beelitz, zwischen den beiden Kreisverkehren soll auf der Nordseite ein Gehweg gebaut werden. Für diesen Gehweg sollen alle Bäume auf der Nordseite gefällt werden und auch Bäume auf der Südseite. Wie mitgeteilt wurde, seien alle Bäume durch Kronenverschnitt – man mag es kaum glauben, was für ein unglaublicher Vorgang, wenn denn die Einschätzung stimmen würde – so stark geschädigt, dass diese Bäume innerhalb der nächsten 5 Jahre absterben würden. Alle Bäume mit einer geschätzten Lebenserwartungszeit von mehr als 10 Jahren dürften stehen bleiben – laut Gutachter wären das nur wenige.

Für die BI Naturwald haben sich daraufhin zwei unserer Baum-Experten die betroffenen Bäume genauer angesehen. Es stehen dort 27 Eichen. Alle sind augenscheinlich gesund. Es wurde kein Totholz in den Kronen festgestellt. Nichts deutet auf ein baldiges Absterben hin, auch keine Verletzungen der Rinden in größerem Ausmaß. Lediglich der Baumkronen-Verschnitt ohne Wundverband wurde von unseren Experten als zumindest fragwürdig eingestuft. Die Bäume werden auf ca. 200 Jahre geschätzt, ein jugendliches Alter für Eichen, die gut 1000 Jahre werden können. Selbst als Straßenbäume erreichen Eichen ein Alter von ca. 700 Jahren.

Wie es besser gemacht werde könnte mit dem Ausbau eines Gehweges, ist direkt auf der Südseite der Straße zu bewundern. Hier sind die Bereiche der Wurzeln so überbaut, dass die Bäume es gut vertragen können. Und die Nutzung des Gehweges ist trotzdem ohne Komfortverlust möglich. Wir als BI Naturwald werden unsere Stimme erheben und uns stark machen für die Suche nach verträglicheren Wegen, um den Straßenbau so zu gestalten, dass diese und andere Bäume erhalten bleiben können. Herr Dr. Hans J. Müller, ein Mitglied der BI Naturwald und gleichzeitig Stadtverordneter der Fraktion GfB/SPD hat u.a. den Landesbetrieb Straßenwesen des Landes Brandenburg angeschrieben und um eine Stellungnahme gebeten. Auch werden wir uns in der Stadtverordnetenversammlung zu diesem Thema äußern.

Zu den geplanten sogenannten „Ausgleichspflanzungen“ ist eindeutig festzuhalten, dass diese in der Regel Feigenblätter gegen das schlechte gesellschaftliche Gewissen der geschundenen Natur gegenüber sind bzw. als „Beruhigungspille fürs Volk“ gelten müssen. Was nützen kleine Pflänzchen (auch wenn es 92 sind) im Havelland unserem Stadtklima, den heimischen Tieren und der Beelitzer Luft? Genau – gar nichts! Ausgleichspflanzungen sind eben nicht das, was der Name verspricht: sie sind kein adäquater Ausgleich für die verdrängte Natur. Um so viel CO2 zu speichern, so viel Lebensraum, Nistmöglichkeiten, Nahrung etc. zu bieten wie es die Altbestände taten, müssen neugepflanzte Bäume mindestens 100 Jahre alt werden. Wer sagt uns denn, dass die „Ausgleichspflanzen“ dann noch stehen werden und nicht selber einem dringend nötigen weiteren „Bauprojekt für die Zukunft“ weichen mussten.

Nein – wir werden lernen müssen, der Natur ihren Raum zu geben, wenn wir weiter gut mir ihr leben und in ihr überleben wollen. Da nützt das beste Framing wie „Ausgleichspflanzungen“ oder sogenannter „Ökostrom“ als weiteres Beispiel gar nichts. Dieser „grüne Mantel der Verzerrung der Realität durch die Sprache“ wird sehr gut im Begriff des „greenwashing“ zusammengefasst. Letztlich wird hier mit der Macht der Sprache der Sachverhalt verzerrt, um das Handeln der Akteure moralisch zu rechtfertigen oder gar noch aufzuwerten. Unterm Strich zählt das Ergebnis für die Ökobilanz und nicht unser beruhigtes Gewissen durch geschickte bis die Wahrheit entstellende Wortwahl.

Wir als BI Naturwald bleiben hartnäckig und unbequem und werden uns weiter stark machen für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Bäume und Wälder in unserer Stadt.

(Meike Johannink / Sprecherin BI Naturwald)

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