Vom Flachs zum Leinen – Wolfgang Beelitz sammelt seit beinahe 40 Jahren Geräte zur Flachsbearbeitung

Linthe. Das mit Ornamenten verzierte Brett, auf dem in der Mitte eine Schachtel befestigt zu sein scheint, auf der das Foto der Besitzerin verewigt ist, erinnert an eine Schmuckschatulle.  Erst wenn man den Deckel abnimmt ist der wahre Zweck zu erkennen. Es ist ein Hechelbrett zur Flachsverarbeitung. Von 1894 aus Niedersachsen. “Es wurde höchstwahrscheinlich nie benutzt, es zeigt aber die Bedeutung des Flachses in der Vergangenheit, man muss ja nicht nur Essen, man muss sich auch kleiden”, sagt Wolfgang Beelitz. Der 60-Jährige sammelt seit beinahe 40 Jahren Geräte rund um den Flachs und seine Bearbeitung bis zum Leinen.

“Ich fand damals auf dem Dachboden in Linthe einen Schwingbock und wusste damit nichts anzufangen”, sagt der Linther. Kurze Zeit später tauchte im Haus seines Vaters in Nichel eine Riffel auf. So wie es ihm bis heute eigen ist, ging er der Sache mit Gründlichkeit nach. Jetzt weiß er, dass es der dritte Schritt der Verarbeitung von Flachs war. Nach dem Riffeln, dem Brechen kam das Schwingen und letztlich auch noch das Hecheln, danach konnte gesponnen und gehaspelt werden.

Mit diesen Arbeiten ist er inzwischen vertraut. Für alle Arbeitsgänge hat er die entsprechenden Geräte in seiner reichhaltigen Sammlung. Sie stammen aus unserer Region, aber auch aus ganz Deutschland. An den Geräten lässt sich gut erkennen, ob es eine wohlhabende Gegend war oder eher einfache Menschen dort gelebt haben. Die schönsten Schwingböcke, Riffel- und Hechelbretter und Spinnräder seiner Sammlung kommen aus der Schwalm, einer mittelhessischen Landschaft. Sie sind bunt und reich verziert. “Unsere sind eher schlicht und zweckmäßig, teilweise in Handarbeit vom Bauern selbst gefertigt, archaisch zusammengezimmert”, erzählt der Fachmann. Aus der Schwalm hat er eine ganze Bearbeitungsstrecke erwerben können.

Beelitz sucht weiter, im Internet, auf Flohmärkten. Viele Stücke kommen aber inzwischen auch zu ihm, denn viele wissen von seinem Hobby. Aus Anlass des Dorfgeburtstags im Sommer 2017 hat er in seiner Scheune eine Ausstellung zum Thema vorgestellt. Mitte Januar waren die Chronisten aus Potsdam-Mittelmark bei ihm zu Gast. “Es ist schon erstaunlich, dass sogar diesen versierten Leuten, die Bedeutung des Flachsanbaus nicht bewusst war”, staunt Beelitz. Flachs war die am weitesten verbreitete Faser- und Textilpflanze in Deutschland, in jedem Bauernhaus fand man die entsprechenden Geräte, von denen er einige in diversen Holzschuppen fand und vor dem Ofen gerettet hat. Die Bedeutung zeigt sich noch in der heutigen Alltagssprache, wenn auch Hecheln, Spinnen und Flachsen eine andere Bedeutung haben als ehedem.

Schon im Belziger Heimatkalender von 1993 hat er ausführlich die Arbeit gewürdigt. Ein Ordner mit Fotos aus vergangenen Jahrhunderten, die die Arbeiten zeigen, mit Berichten, Zeichnungen und Museumsblättern ist prall gefüllt. “Man muss wissen, dass die Geräte wie Riffel oder Hechelbrett vom Stellmacher und Schmied in Zusammenarbeit angefertigt worden sind”, ist er immer noch begeistert. Es sind in einem Brett über 100 Hechelzähne ins Holz getrieben worden, stecken bis heute fest. “Versuchen sie mal einen Nagel in ein Brett einzuschlagen, ohne dass das Brett platzt und hier sind es über 100”, die Faszination lässt ihn nicht los.

Auf der Scheunenwand hängen mehr als 60 der Bretter in Reih und Glied, weitere sind im Lager ordentlich verstaut, so wie auch die anderen Utensilien. Das älteste stammt aus dem Münsterland und ist aus dem Jahr 1699. In ein belgisches von 1746 sind Schmiedemarken eingebrannt. Hechelbänke haben die Arbeit dann vereinfacht, Exemplare aus Ziesar, Nichel, Kemnitz, Lütte und Linthe hat er ausgestellt. Wer es sich leisten konnte, hatte schon Flachsbrech- und Flachsschwingmaschinen, was die Arbeit erheblich erleichterte.

Beelitz erinnert sich noch genau, wie er um 1989 nach Wittstock aufbrach, In einer Anzeige der Wochenpost hatte er eine Breche gefunden und wollte sie unbedingt haben. Beelitz führt gern durch seine kleine Schatzkammer. Zeigt auf ein Hechelbrett von 1866, auf der Rückseite ist der Preis von 19 Silbergroschen eingeritzt, daneben hängt ein Riffelbrett, beides gehört laut Aufschrift einer Elisabeth von Itzenhausen aus Merzhausen. “Die Familie hat dort bis heute die Wassermühle”, hat Beelitz herausgefunden. Das sind Momente, in denen das Sammlerherz höher schlägt. Trotz der reichhaltigen Sammlung ist er weiter auf der Suche. Zum 60-sten Geburtstag vor drei Jahren haben einige Gäste daran gedacht und Raritäten mitgebracht. “Ich freu mich über jede Gabe aus diesem Bereich”, sagt Wolfgang Beelitz. Wer seine Schätze ebenfalls zu Gesicht bekommen will, sollte einen Termin vereinbaren.

Die Verarbeitung und die Arbeitsschritte sind heute weitgehend vergessen. Welche Bedeutung diese Arbeit hatte zeigt sich jedoch bis heute in unserer Sprache: verhaspeln, spinnen und hecheln haben jeoch längst eine andere Bedeutung im Sprachgebrauch gewonnen.

Was hinzugekommen ist kann jetzt in der Sonderausstellung „Durchgechechelt“  im Bauernmuseum Blankensee (Teltow-Fläming) besichtigt werden. Hier werden 60 Objekte der Sammlung Beelitz gezeigt. Am 08.08.2021 öffnet das Haus wieder mit der Eröffnung der neuen Sonderschau seine Türen. Im August wird Wolfgang Beelitz in einer Führung seine Exponate erklären.

(Artikelfoto: Sammler Wolfgang Beelitz aus Linthe mit Fotos von der Flachsverarbeitung.)

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