„In jedem Abschied liegt auch eine Chance“ – Nach acht Jahren als Pfarrer von Wittbrietzen und Umgebung zieht es Clemens Bloedhorn nun nach Norddeutschland.

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Wittbrietzen. Im folgenden Interview spricht Pfarrer Clemens Bloedhorn über seine Erfahrungen und Erwartungen:

Nach gut acht Jahren, in denen Sie gemeinsam mit den Kirchengemeinden viel bewegt haben, nehmen Sie demnächst ihren Abschied. Warum?

Eine innere Stimme sagt mir, dass es an der Zeit ist. Ich bin jetzt Mitte 50 und möchte persönlich einfach noch einmal aufbrechen. Da ich vorher in zwei anderen Berufen gearbeitet hatte – als Landschaftsgärtner und Servicemitarbeiter – war ich bereits Mitte 40 als mir die erste Pfarrstelle übertragen wurde. In etwas mehr als zwölf Jahren werde ich aller Voraussicht nach in Rente gehen. Ich habe den Wunsch, vorher noch eine zweite Pfarrstelle ausgefüllt zu haben. Das, was ich hier lernen durfte, möchte ich nun in einem anderen Kontext einbringen und versuchen es weiterzuentwickeln. Im Übrigen ist es nach dem neuen Pfarrdienstgesetz so, dass eine Pfarrstelle immer nur für zehn Jahre übertragen wird. Natürlich kann man verlängern, wenn alle Seiten es dann auch so wollen. Ich war zehn Jahre in BorkheideBorkwalde und achteinhalb im Pfarrsprengel Wittbrietzen. Ich finde, dass nach einer solchen Zeit eine Veränderung sowohl für die Gemeinde als auch für den Pfarrer ganz gut sein kann.

Was war Ihr erster Eindruck, als Sie damals nach Wittbrietzen gekommen sind?

Pfarrer Clemens Bloedhorn
Pfarrer Clemens Bloedhorn

Ich weiß noch sehr genau, wann das war, nämlich am 7. August 2012. Es war ein sommerlicher Abend und für 19:30 Uhr war eine Sitzung des Gesamt-Gemeindekirchenrates anberaumt, in der es darum gehen sollte, ob ich im Rahmen meines Entsendungsdienstes von Michendorf nach Wittbrietzen wechseln kann. Ich war zu früh dran, also setzte ich mich auf die Bank am Spielplatz und aß ein paar Stullen zu Abendbrot, die ich mir mitgenommen hatte. Ich hatte sofort ein positives Gefühl und dachte: Hier würde es für mich weitergehen. Bei meinem ersten Rundgang durch das Dorf beeindruckte mich die Kirche mit ihrem Wehrturm und den markanten Zinnengiebeln. Im Laufe des Abends wurde mir dann durch Joachim Traute das Pfarrhaus gezeigt. Ich dachte: Hier soll ich zu Hause sein dürfen? Noch nie hatte ich so schön und so groß gewohnt.

Ihr Arbeitsgebiet beschränkte sich nicht nur auf Wittbrietzen, sondern sechs weitere Dörfer, in denen Sie Gottesdienste abgehalten haben und für die Menschen da sein mussten. Wie ließ sich das unter einen Hut bringen?

Mir wurde schnell klar, dass ich nicht der „Player“ an sieben Orten sein kann, sondern meine Aufgabe darin bestehen würde, diejenigen, die für ihren Ort und ihre Kirchengemeinde etwas tun wollen, mit meiner Kompetenz als Theologe und Seelsorger zu begleiten. Es fanden sich immer Menschen, die sich um die verschiedenen Dinge gekümmert haben, zum Beispiel um Bauvorhaben oder um alle Aufgaben, die mit den Friedhöfen zusammenhängen. Wenn ich in meiner Zeit hier eines gelernt habe, dann ist es die Wertschätzung der Arbeit im Team. Wir haben uns immer gut ergänzt, jeder und jede nach seiner oder ihrer Begabung.

War es schwer, sich als „gewachsener“ Berliner auf dem Lande zurechtzufinden?

Nein, das Leben auf dem Lande habe ich in kurzer Zeit schätzen und lieben gelernt. In Wittbrietzen habe ich in einer der ruhigsten Ecken leben dürfen, der Blick in den großen Pfarrgarten wirkt auch heute noch auf mich wie eine Idylle. Mir wird auch prägend in Erinnerung bleiben, wie ich mit meinen Gottesdiensten über die Dörfer zog und dabei nicht selten auch von Landschaft, Natur und Wetter im Land angetan war. Ein direkter Wechsel von der Großstadt Berlin nach Wittbrietzen wäre sicherlich ein enormer Unterschied gewesen, aber es gab ja Zwischenstationen mit Reichenbach bei Görlitz und Michendorf. Früher hätte ich das gar nicht für möglich gehalten, aber ich habe mich immer mehr zum Land hinentwickelt. Auch bei meiner neuen Stelle bin ich Pfarrer auf dem Land.

Was wird Ihnen ganz besonders in Erinnerung bleiben?

Es ist so unwahrscheinlich viel, natürlich sind es in erster Linie Aufgaben, die zum Amt eines Pfarrers dazugehören. Haften bleiben vor allem Situationen, wo Menschen mit Fragen auf mich zugekommen sind: Bei Taufen, Trauungen, aber auch wenn es um den Abschied von einem Menschen ging oder ein seelsorgerliches Gespräch. Ich bin den Kirchengemeinden sehr dankbar, dass sie mir bei meiner ersten Pfarrstelle die Gelegenheit gegeben haben, in diesen wunderbaren Beruf hineinzuwachsen und mich auszuprobieren. Da spürte ich viel Freiraum. Wertvoll war für mich auch die Arbeit im Kirchenkreis, der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. Und dann bleiben da natürlich einzelne Erlebnisse in Erinnerung, die Gemeindefahrten, unsere Veranstaltung zum Reformationsjubiläum, Gottesdienste zu Dorffesten, Musik am Ofen, Konzerte in Kirchen, Sommerfest unter der Linde, die Osternacht mit gemeinsamem Frühstück und vieles andere mehr. Ich kann nicht alles aufzählen. Um es zusammenzufassen: Meine Zeit hier war von einem gegenseitigen Geben und Nehmen geprägt und die Menschen, die damit verbunden sind, vergesse ich nicht.

Gab es besondere Herausforderungen?

Pfarrer Clemens Bloedhorn
Pfarrer Clemens Bloedhorn im Gespräch

Spannend war für mich, im Rahmen von Andachten mit den Kindern aus den Kindertagesstätten in Wittbrietzen und Buchholz eine Sprache für Drei- bis Fünfjährige zu finden. Als ich den Kindern einmal die Kirche zeigte, sagte ich erklärend: Hier wohnt Gott. Ich war dabei im Talar gekleidet, was auf eines der Kinder offenbar einen besonderen Eindruck gemacht hat. Denn ein paar Wochen später begrüßte es mich mit den Worten: Hallo, Gott! Die Arbeit mit den Kindern, auch mit den Jugendlichen im Konfirmandenunterricht oder in der Jungen Gemeinde, habe ich allerdings nicht nur als Herausforderung, sondern gleichzeitig immer auch als Geschenk erlebt.

Wie läuft das Gemeindeleben zurzeit, in der Corona-Pandemie?

Es schmerzt mich, dass vieles nicht stattfinden kann. So zum Beispiel die Treffen der Seniorenkreise und Frauenhilfen. Die Älteren gehören zur Risikogruppe und hier wollen wir natürlich nichts riskieren. Bei der Konfirmandenarbeit und in den Gremien läuft viel über Videokonferenzen. Ich halte anstatt der Gottesdienste oft Andachten im Freien vor der Kirche in einer verkürzten Form und das wird auch angenommen. Aufgrund der Religionsfreiheit haben wir als Kirche noch die eine oder andere Möglichkeit und ich denke, wir gehen verantwortungsvoll damit um.

Wohin wird es Sie nun konkret verschlagen?

Wie vorhin bereits erwähnt, ich bleibe Dorfpfarrer. Hier spüre ich Begabung und die damit verbundenen Aufgaben erfüllen mich. Zum 1. April wechsle ich in die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers. Ich bin dann zuständig für drei Kirchengemeinden mit insgesamt vier Predigtstätten. Die Hannoversche Landeskirche erstreckt sich über weite Teile des Bundeslandes Niedersachsen. Die Dörfer, in denen ich dann meinen Dienst tun werde, liegen ungefähr in der Mitte zwischen Bremen und Bremerhaven. Ich freue mich auf meine neue Aufgabe und wurde im Rahmen des Bewerbungsverfahrens dort schon sehr herzlich empfangen. Gleichzeitig fällt mir der Abschied nach einer so dichten Zeit natürlich nicht leicht. Wir feiern in Wittbrietzen einen Abschiedsgottesdienst am Sonntag, den 21. März 2021 um 14 Uhr vor der Kirche. Herzliche Einladung dazu!

Und wie geht es für Ihre bisherigen Gemeinden weiter? Wird es eine Vertretung oder eine Neubesetzung geben?

Die Entscheidung im Blick auf die Vertretung liegt vor allem in der Hand unseres Superintendenten. Er hat eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus allen Kirchengemeinden gegründet und dieses Gremium denkt über verschiedene Varianten nach. Die Frage einer möglichen Neubesetzung wird sicherlich auch Thema in der Strukturkommission sein, die von der Kreissynode schon vor längerer Zeit ins Leben gerufen wurde und die sich mit prinzipiellen Veränderungen im Kirchenkreis beschäftigt. Für Borkheide-Borkwalde lässt sich schon jetzt sagen, dass die Vakanzvertretung von Pfarrerin Almuth Wisch aus Lehnin wahrgenommen werden wird. Ich kenne sie und weiß, dass sie gut zu der Gemeinde passt.

Was wünschen Sie den Gemeinden, den Menschen im Wittbrietzener Pfarrsprengel für die Zukunft?

Zunächst einmal glaube ich, dass es sehr stabile Gemeinden sind, die sich auch in einer Übergangszeit der Vakanz zurechtfinden werden. Das eine oder andere Äußere wird sich verändern, aber das Gemeindeleben wird weitergehen und die Traditionen, die an den einzelnen Orten von den Menschen gelebt werden, hören nicht einfach auf. Während meiner Zeit hier hatte ich angestoßen, auch zwischen den Dörfern mehr zusammenzuarbeiten und da sind die Kirchengemeinden miteinander auf einem guten Weg. Sie kennen sich und tauschen sich aus. Ich wünsche Ihnen, dass dieser Prozess des Sich-aufeinander-Zubewegens weitergehen kann. Mir ist bewusst, dass das kirchliche Leben ein Stück weit immer an der Person eines Pfarrers oder einer Pfarrerin hängt. Hier wünsche ich den Gemeindegliedern, dass sie in der bevorstehenden Zeit wahrnehmen können, dass in jedem Abschied auch eine Chance liegt und damit verbunden die Möglichkeit, Dinge neu zu denken und gegebenenfalls auch anders zu machen als ich es getan habe.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!                                   

(Interview: Thomas Lähns | Fotos: Andreas Trunschke)

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