Wo die Hähnchen wachsen dürfen – Beelitzer Betrieb unterstützt Initiative gegen Kükenschreddern

Beelitz. Wie kleine weiße Wollknäuel stehen sie auf der Wiese und picken. Andere Hähnchen sind noch im Stall, lassen sich von der Heizsonne Wärme auf die Federn strahlen. Auf einmal kommen alle nach draußen gestürzt. „Da hat wohl einer einen Wurm gefunden“, sagt die Halterin Steffi Schmidt und schmunzelt. Die Inhaberin des Kaninchenspezialitätenbetriebs in der Brücker Straße zieht seit ein paar Monaten so genannte „Bruderhähne“ auf. Das sind männliche Küken aus der Legehennen-Züchtung, die normalerweise als wirtschaftlich schlecht zu verwerten gelten – sie setzen weniger Fleisch an als Masthähnchen und legen keine Eier. Deshalb landen diese Küken oft im Schredder. Seit einigen Jahren haben Geflügelhalter mit der Aufzucht der männlichen Legeküken begonnen, um dieses grauenhafte Gemetzel zu verhindern.

Steffi Schmidt hat durch einen Geflügelhalter aus Zauchwitz von den Bruderhähnen gehört – und war sofort Feuer und Flamme. „Es hat mich geärgert, dass die männlichen Legehähnchen gar nicht gebraucht werden“, sagt die gelernte Pferdewirtin, die das Kaninchen-Unternehmen von ihrem Vater übernommen hat. Derzeit hat sie schon den dritten Durchgang – jeweils 100 junge Hähne. Künftig will sie das aufteilen, und alle 14 Tage 50 neue Hähne dazu nehmen. Die Bruderhähne werden zwar am Ende auch geschlachtet, dürfen davor aber noch acht bis zehn Wochen auf der Wiese picken und herumrennen. Zwei- bis dreimal so lange wie bei Masthühnern dauert die Aufzucht, entsprechend teurer sind Futter und Nebenkosten.

Dreieinhalb bis vier Kilo Mais, Weizen und Haferschrot verzehrt ein Bruderhahn im Laufe seines Lebens. Ein Kilo Bruderhahn kostet deshalb bei Schmidt im Laden in der Berliner Straße oder auf dem Wochenmarkt in Werder 7,99 Euro, statt 6,99 Euro für ein Maishähnchen aus Bodenhaltung. Und das ist schon günstig, verglichen mit Berlin. Mit den Preisen für Hühnchen aus Massentierhaltung ist das natürlich nicht zu vergleichen. Dafür ist das Fleisch dieser durchtrainierten Hähnchen schön fest. Und es ist etwas Besonderes. „In Werder kamen die Kunden eine Woche später wieder und fragten, ob wir wieder Bruderhahn hätten“, sagt Steffi Schmidt.

Beelitz, Bruderhähne

Ein Vorteil ist auch, dass sie auf dem Grundstück in der Brücker Straße – hinter der Produktionshalle für die Kaninchenverarbeitung – ohnehin Platz hat. Dort wachsen auch alle möglichen anderen Tiere auf: Enten und Gänse und Nutztiere, die teilweise auf der roten Liste stehen. Das ist eine Art Hobby von Schmidts Mann Manfred Memmert, der sich damit einen Traum im Ruhestand erfüllt. Beispielsweise hält er hier Husumer Landschweine, auch dänische Protestschweine genannt. Diese Rasse wurde einst von in Nordfriesland lebenden Dänen gezüchtet, weil sich in ihrem Fell der Dannebrog abzeichnet – die dänische Flagge, die nach der preußischen und österreichischen Besetzung von Schleswig und Holstein Ende des 19. Jahrhunderts nicht gehisst werden durfte. Hier laufen auch Sundheimer Hühner herum, die als Zwiehuhn sowohl Fleisch liefern als auch Eier.

Es sind Tiere, die nicht unbedingt den Rentabilitätsgeboten einer hochspezialisierten Landwirtschaft genügen. Sie haben aber trotzdem viele Vorteile. So ist das kurzfaserige Fleisch der Burenziege zarter als Lammfleisch und sehr begehrt. Spezialitäten-Fleisch, das natürlich seinen Preis hat. Aber es findet seinen Absatz. Und es kommt von Tieren, die im Freiland und mit viel Platz aufwachsen durften und vermutlich ein gutes Leben hatten. „Man muss nicht jeden Tag Fleisch essen, aber es muss ordentlich sein“, sagt Schmidt.

(Antje Schroeder / Artikelfoto: Manfred Memmert und Steffi Schmidt)

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