Cammer: “Herrentuter” ziehen los – Ab Montag wird das Christkind hinab geleitet

Cammer. Neun Stufen soll die Himmelsleiter haben und neun Tage vor Weihnachten beginnen die “Herrentuter”, auch “Hirtentuter” genannt, ihren Rundgang. Am Montag, dem 16.12.2019 starten Chris Große (13) und Marvin Queißer (12) mit ihren Tuten und werden an jeder Ecke im Dorf mit ihren Lärminstrumenten die nahenden Weihnachtstage ankündigen. Nachdem die Sonne untergegangen ist, sich die Dunkelheit ausbreitet, geht es los. Jeden Tag bis zum Heilig Abend werden die beiden Schüler unterwegs sein.

Cammer ist der einzige Ort in dem das vorweihnachtlichen Hirten- oder Herrentuten noch aktiv betrieben wird. Neun Tage vor Weihnachten ziehen Jugendliche tutend durchs Dorf und helfen dem Christkind, den Weg auf die Erde zu finden. Am Silvestertag startet dann der letzte Rundgang. Die Jugendlichen entrichten Neujahrswünsche und erhalten eine kleine Gabe als Dankeschön. Dabei wird folgende Grußformel benutzt:

„Die Glocken verkünden mit hallendem Ton, dass wieder ein Jahr ist verschwunden. So haben wir Jugend von Cammer auch schon, wie üblich uns eingefunden. Vor allem wünsch ich, dass dieses Haus mit reichem Segen erblühe. Und wolle Gott geben zu jedermanns Glück, dass sich bessere der Menschheit Geschick, die täglich sich quälet aufs Neue, und Wünsche der gesamten Christenschar ein glückliches Neues Jahr“.

Die Formal hat sich im Laufe der Jahre verändert und wurde der heutigen Zeit angepasst. Die Hirten zu Beginn des 20 Jahrhunderts sagten noch:

“Ich wünsche ju een frehliges Neuetjoahr, Friede, Gesundheit un de ewige Seligkeit. – De Schüne vull Kourn un Streu, janzen Heuböne vull Heu, von jedet Perd en Fohlen, von jede Kuh en Kalb, von jede Sau zehn Ferken, det könnt Ihr Euch mal merken“.

Früher war dieser Brauch im ganzen Fläming und der Zauche verbreitet, in Golzow, Nichel oder Ragösen ist es dokumentiert. Auch in den heutigen Ortsteilen des Bezirks Berlin-Spandau, in Tiefwerder und Pichelsdorf wurde der Brauch gepflegt.

Aktiv betrieben wird die Sitte jetzt jedoch nur noch in Cammer. Waren vor einem Jahrhundert noch die Hirten, später der Nachtwächter so sind jetzt Jugendliche mit ihren Tröten und Schalmeien unterwegs und werden von allen Einwohnern sehnlichst erwartet. Die Frage “wer dieses Jahr tutet” ist schon im Herbst Gesprächsthema im Dorf.

In diesem Jahr gibt es einen weiteren besonderen Grund, diese Tradition zu beobachten. Eine Interessengemeinschaft aus Cammer hat beim Land Brandenburg den Antrag gestellt, das “Herrentuten” in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufzunehmen.

Der Antrag wird vom Amtsdirektor des Amtes Brück, Marko Köhler, dem Tourismusverein Zauche-Fläming, der Landfrauenvereinigung, der Kirchengemeinde Golzow-Planebruch und dem Dorf- und Heimatverein Cammer unterstützt.

Ein 112 Seiten starkes Buch wurde von Andreas Koska zusammengestellt. Darin dokumentiert der Herausgeber die Sitte in Cammer und verweist auf der Verbreitung in Deutschland. Was vor 100 Jahren noch überall alltäglich war, ist heute verschwunden, einzige Ausnahme vier Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern, wo ein ähnlicher Heischebrauch noch praktiziert wird. Allerdings nur an Heiligabend. Mit der Veröffentlichung soll der Antrag untermauert und gestützt werden. Das Buch ist beim Autor, den einheimischen Geschäften und den Buchhandlungen der Umgebung erhältlich.

Andreas Koska (Hrsg.) “Die Himmelsleiter hinab – Die Cammerschen Herrentuter”, 112 Seiten, 12,00 Euro, ISBN 978-3-9820869-3-4

Aufnahmeverfahren für das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes

Die Erstellung des Bundesweiten Verzeichnisses des Immateriellen Kulturerbes ist mit einem mehrstufigen Verfahren verbunden, an dem die Länder und die Kulturministerkonferenz, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, das Auswärtige Amt und die Deutsche UNESCO-Kommission beteiligt sind.

Zivilgesellschaftliche Akteure – die praktizierenden “Trägergemeinschaft(en)” – können Vorschläge zur Aufnahme in das Verzeichnis machen. Es besteht die Möglichkeit, eine Kulturform für das Bundesweite Verzeichnis oder ein Modellprogramm für das Register Guter Praxisbeispiele der Erhaltung Immateriellen Kulturerbes vorzuschlagen. Das Register ist Teil des Bundesweiten Verzeichnisses.

Alle zwei Jahre findet eine Bewerbungsrunde statt. Die aktuelle Bewerbungsperiode läuft vom 1. April bis zum 30. Oktober 2019. Bundesweit gilt ein einheitliches Bewerbungsformular. Für alle Fragen rund um die Bewerbung gibt es ein Merkblatt.

Die Kulturformen und Modellprogramme müssen im Sinne des UNESCO-Übereinkommens zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes sein und die Kriterien zur Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis oder das Register Guter Praxisbeispiele erfüllen. Bewerbungsdossiers (siehe Modalitäten) können während einer Bewerbungsrunde im entsprechenden Bundesland eingereicht werden. Bewerbungen, die nicht einem Bundesland zugeordnet werden können, werden im jeweiligen Sitzland der Trägergemeinschaft(en) eingereicht.

Jedes Bundesland trifft eine Vorauswahl und kann bis zu vier Bewerbungen an die Kultusministerkonferenz weiterleiten. Die bundesweite Vorschlagsliste wird an das unabhängige Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission weitergeleitet. Das Komitee prüft und bewertet die Bewerbungsdossiers nach den Kriterien für das Immaterielle Kulturerbe und empfiehlt Kulturformen oder Modellprogramme zur Aufnahme in das Verzeichnis. Die Kultusministerkonferenz und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien bestätigen abschließend die Auswahlempfehlungen des Expertenkomitees.

Auskünfte erteilt Andreas Koska, 0172 313 34 03

(Fotos: Mama Babette Große (34, rechts) gehörte zu den ersten Mädchen die im Jahr 1999, also vor genau 20 Jahren, “tuten” durften. Davor war es Jungs vorbehalten. Sohn Chris wird in diesem Jahr unterwegs sein.)

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