Spaziergang durch das alte Damsdorf

Kloster Lehnin, Damsdorf. Fast fünfzig Damsdorfer sind der Einladung zu einem Spaziergang durch den alten Ortskern von Damsdorf gefolgt. Der Spaziergang reiht sich ein in eine Reihe ähnlicher Veranstaltungen in allen 14 Ortsteilen von Kloster Lehnin. Am Ende erhalten die Teilnehmer jeweils einen Fragebogen, dessen Ergebnisse in die Tourismuskonzeption der Gemeinde eingehen werden. Nicht nur deswegen wünscht sich Ortsvorsteher Kevin Bolz gleich zu Beginn einen „interaktiven Spaziergang“. Er fordert die Teilnehmer auf, sich selbst einzubringen:

„Wer etwas zu erzählen hat, der möge das auch tun.“

Kirche Damsdorf

Los geht es in der 1777 errichteten Kirche. Die Glocke im mittelalterlichen Westturm stammt sogar noch aus der Zeit der Vorgängerkirche um 1320. Die Orgel wurde im Jahr 1860 von dem Niemegker Orgelbauer Gottfried Wilhelm Baer hergestellt. Im Jahr 2003 wurden die Decke und der Altar von dem Dresdner Künstler Peter Schubert gemalt, worauf die Kirchenmitglieder sichtbar stolz sind. Das Triptychon des Altars leuchtet in kräftigen Farben, das dazu passende Deckengemälde ist etwas blasser, weil die Denkmalpfleger die Verwendung von Ölfarben untersagten. Vor dem Altar steht ein von Wieland Förster gestaltetes Kruzifix. Links daneben stehen zwei modern gestaltete Engel, für die die Gemeinde noch Spenden sammelt. Bei der grundlegenden Restaurierung der Kirche 2003 wurde das runde Fenster über dem Altar herausgenommen. Heute schmückt es das Gemeindehaus.

Alte Schule, Behelfsheim und verschwundene Mühle

Die weitere Führung der Damsdorfer übernimmt Konrad Müller. Er steckt voller Geschichten, erinnert sich scheinbar noch an jeden Laden, an jeden Bewohner zu jedem Haus. Zweite Station nach der Kirche ist die benachbarte alte Schule, die längst ein Wohnhaus ist. Weiter ging es zum sogenannten Zickenwinkel. Hier steht noch eines der alten Behelfsheime, die nach 1945 schnell für die vielen Flüchtlinge aus Stroh und Lehm errichtet wurden. Am Ende der Müllerstraße stand früher eine Mühle. Erst als in Trechwitz eine elektrische Mühle aufmachte, stellte die Damsdorfer ihren Betrieb ein. Das Holz wurde als Brennholz verkauft. Noch sollen oben auf dem Hügel Reste des Fundaments zu sehen sein.

Geschichten von früher

Spaziergang, Damsdorf, Mühle
Auf diesem Hügel stand die Mühle

Die Felder davor waren zu DDR-Zeiten voller Obstplantagen. „Die reichten bis Michelsdorf“, weiß Müller zu berichten, „dort war es eigentlich zu kalt für Obstbäume, aber dort wohnte der Landwirtschaftsminister, und der wollte auch Obstbäume haben.“ Nach der Wende verschwanden auch in Damsdorf die Obstbäume.

Müller kennt noch viele solcher Geschichten. So soll Nahmitz-Ausbau früher zu Damsdorf gehört haben. Allerdings gab es zu DDR-Zeiten dort einen chronischen Nichtwähler, was damals Schwierigkeiten für die Verantwortlichen bedeutete. Mit der Abgabe des Ortsteils war man diese los.

Nie wieder

Spaziergang, Damsdorf, Gedenken
Gedenken an die Opfer

Auf dem Friedhof macht Müller einen Stopp an einem Grabstein. Auf den Tag genau vor 74, kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs war ein Flüchtlingstreck beschossen worden. Es gab sieben Tote. Müller und die anderen Wanderer legten eine Gedenkminute ein.

„So etwas Furchtbares darf es nie wieder geben“, sagt Müller.

Höhepunkte auf dem Spaziergang durch Damsdorf

Spaziergang, Damsdorf
Geschichten aus derGeschichte

Auf dem weiteren Weg durch das alte Damsdorf kommt die Gruppe an dem ehemaligen Wohnhaus der Welthandballerin Waltraud Kretschmar vorbei. „Kretsche“, wie sich noch viele an ihren Spitznamen erinnern, galt in den 70er Jahren als beste Handballerin der Welt.

Höhepunkt des Spaziergangs ist der Stopp an der neuen Schule. Müller und viele andere Teilnehmer können sich noch an den Unterricht in dem alten Gebäude erinnern, das neben der heutigen modernen, rot leuchtenden Schule etwas verlassen dasteht. „Bevor wir spielen durften“, erinnert sich Müller an die Ferienspiele seiner Kindheit, „mussten wir von den umliegenden Maulbeerbäumen Futter für die Seidenraupenzucht sammeln.“ Die Seide wurde vor allem für Fallschirmseide gebraucht.

Damsdorfer “Hauptbahnhof”, Friedenseiche

Spaziergang, Damsdorf, Friedenseiche
Friedenseiche

Schräg gegenüber der heutigen Schule war früher der Damsdorfer „Hauptbahnhof“. Über die Lehniner Kleinbahn wurden von hier vor allem Ziegel nach Berlin transportiert. Ein Stück weiter entlang der Hauptstraße Richtung Trechwitz erzählt Dorothea Beuster über ihre Kindheit auf dem Bauernhof, den heute ihr Bruder führt. Gegenüber hatte früher die LPG ihren Sitz. Letzte Station ist die Friedenseiche an der Kirche, die nach der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges gepflanzt worden sein soll.

Fazit

Zum Abschluss gehen alle Teilnehmer noch einmal in die Kirche, um die Fragebögen auszufüllen. Manuela Hadler von der Gemeindeverwaltung Kloster Lehnin und „Erfinderin“ der Dorfspaziergänge ist von dem Zuspruch begeistert. Bolz lädt für Ende April zu einem weiteren Spaziergang ein, dann durch die Siedlung neueren Datums. Außerdem kündigt er an, dass sich am 20. Februar um 19 Uhr in der Schule ein Heimatverein gründen wird:

„Es gibt neuen Schwung in unserer Gemeinde, den wollen wir nutzen.“

(Das Artikelfoto zeigt Konrad Müller.)

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